70 Jahre Ehe und die Kunst zusammen alt zu werden

Liebste Leserinnen und Leser,

 

sieben Jahrzehnte Ehe. Siebzig Jahre. Eine Zahl, die sich fast unwirklich anhört. In einer Zeit, in der Beziehungen manchmal schon nach wenigen Monaten als „kompliziert“ gelten, wirkt eine gemeinsame Lebensreise von 70 Jahren beinahe wie aus einer anderen Welt. Und doch beginnt auch eine solche Ehe ganz unspektakulär. Zwei Menschen sagen Ja, ohne zu wissen, was wirklich vor ihnen liegt. Ohne zu wissen, welche Stürme kommen werden, welche Krankheiten, welche Sorgen, welche Umwege das Leben bereithält. Ohne zu wissen, wie die gemeinsame Geschichte enden wird.

Durch meinen Beruf als Trauerrednerin bin ich bis heute nur vier Paaren begegnet, die stolz von einer Gnadenhochzeit erzählten, bzw. durfte ich nur einen Teil der Partner kennenlernen, weil der andere bereits verstorben war und wir im Trauerkontext aufeinandertrafen.

Voller Bewunderung sitze ich bei Witwe oder Witwer am Tisch und frage ganz offen, was das Geheimnis sei, sich so lange binden zu wollen. Nicht nur für meine Reden ist das essentiell u wissen. Auch privat nehme ich die Erfahrungswerte gerne mit nach Hause für eine Bindung, die bis ans Lebensende reicht.

Was höre ich wohl für Antworten? Zusammenhalt mache eine Ehe stabil. Gemeinsame Interessen werden aufgezählt. Verlässlichkeit sei wichtig. Und ganz vorneweg: Liebe.
Dass Liebe nicht nur aus großen Gefühlen besteht ist das große Learning nach wenigen Jahren Beziehung. Zwischen den Zeilen höre ich in den Gesprächen aber noch so viel mehr, denn was wäre ein Marathonlauf wie die Ehe ohne Geduld und Nachsicht. Ohne Durchhaltevermögen und Willen. So auch der stille Entschluss, einander nicht aufzugeben, selbst dann nicht, wenn das Leben unbequem wird, mit Krankheit, Verlusten, Streit oder Untreue.
Sieben Jahrzehnte Ehe bedeuten unzählige gemeinsame Tage. Tage voller Lachen und Tage, an denen vielleicht wenig gesagt wurde. Zeiten, in denen man sich nahe war, und Zeiten, in denen man sich neu finden musste. Eine lange Ehe ist kein gerader Weg. Sie ist eher ein Pfad mit Kurven, mit Steigungen und manchmal auch mit Stolpersteinen. Vielleicht liegt gerade darin ihr Geheimnis.
Heute scheitern viele Beziehungen nicht unbedingt daran, dass Menschen weniger lieben können als früher. Oft scheitern sie daran, dass wir schneller aufgeben. Dass wir in einer Welt leben, die uns an vielen Stellen sagt: Wenn etwas nicht mehr funktioniert, dann ersetze es. Such dir etwas Neues.
Eine lange Ehe folgt einer anderen Logik. Sie sagt: Bleib. Schau noch einmal hin. Hör noch einmal zu. Und manchmal bedeutet Liebe auch, einen Schritt auf den anderen zuzugehen, obwohl man selbst gerade lieber stehen bleiben würde. Sich anzunehmen und abzuwägen, ob Probleme miteinander angegangen werden können. Ob beide daran arbeiten wollen.
Wer 70 Jahre miteinander lebt, hat sich vermutlich immer wieder neu entschieden, und zwar füreinander. Nicht nur einmal am Hochzeitstag, sondern viele Male danach. In kleinen Gesten, in Versöhnungen, in gemeinsamen Erinnerungen, die mit den Jahren immer wertvoller werden.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft einer Gnadenhochzeit: Liebe ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Sie ist eine Entscheidung, die man immer wieder trifft.
Ehrlich gesagt wünscht sich das doch jeder, oder? 
Wie seht Ihr das? Lasst es mich wissen.

 

Eure Melina

 

 

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